Austra
Katie Stelmanis hat ihre Stimme immer wie ein Instrument behandelt. Hoch, klar, kontrolliert, opernhaft. Eine Art emotionaler Schutzpanzer, glänzend poliert. Auf Chin Up Buttercup, dem im vergangenen November erschienenen fünften Album ihres Projekts Austra, beginnt dieser Panzer zu bröckeln. „I’m so chaotic in love“, singt sie gleich zu Beginn – und das ist kein koketter Gestus, sondern eine Zustandsbeschreibung. Das Album ist der Soundtrack eines emotionalen Ausnahmezustands. Man könnte sagen: ein Traueralbum. Aber eines, das tanzen will.
Stelmanis verarbeitet in diesen Songs eine Trennung, die so abrupt kam wie ein Stromausfall. Ihre langjährige Partnerin verließ sie im Frühling 2020 mit einem einzigen Satz. Dann kam Corona. Innerhalb eines Tages musste Stelmanis London verlassen, zurück nach Kanada, allein. Das Ergebnis: depressive Lähmung, Stillstand. Und irgendwann: Texte, zuerst Wut, dann Schmerz. Am Ende wurden daraus Songs.
Chin Up Buttercup mischt euphorische Eurodance-Flächen mit bitteren, oft schonungslos direkten Texten. Die Kontraste sind gewollt: Trauer und Ekstase, Nähe und Kontrollverlust, Klarheit und Wahnsinn. Die musikalische Sprache: Synthesizer, Club, Madonna’s Ray of Light, Techno, Pop. Emotionaler Eskapismus, aber kein Selbstbetrug. Eher ein Versuch, mit Stil durch den Schmerz zu navigieren.
Stelmanis spricht inzwischen offen über ihre vermeidende Persönlichkeit, über das Misstrauen gegenüber Gefühlen, über das Bedürfnis nach Kontrolle – und wie wenig davon noch übrig war, als die Trennung kam. „Ich musste lernen, über Gefühle zu sprechen, um nicht unterzugehen“, sagt sie. Die Songs dokumentieren diesen Lernprozess. Es sind keine Therapiesitzungen mit Synthesizerbegleitung – eher Momentaufnahmen aus einem inneren Umbruch. Kopf hoch, wird schon wieder. Wird es nicht immer. Aber es hilft, wenn man tanzen kann.
Am Ende steht kein Happy End, sondern eine neue Perspektive. Stelmanis sagt, sie habe sich lange über Anerkennung definiert – über Bestätigung von außen, über Kontrolle. Jetzt ist da ein anderer Ton: weniger perfekt, aber wahrhaftiger. In The Hopefulness of Dawn lässt sie alles noch einmal Revue passieren – und lässt es dann los. Kein Triumph. Aber ein Anfang.
