POLIÇA
Seit ihrem Durchbruch 2011 hat sich Poliça einen ganz eigenen Sound aufgebaut: Düstere Synths treffen auf treibende, fast hypnotische Rhythmen, getragen von Leaneaghs markant verfremdeter, aber gleichzeitig sehr nahbarer Stimme. Zusammen mit Produzent Ryan Olson entstand so über die Jahre ein Klangbild, das zwischen Nähe und Distanz pendelt. Ein entscheidender Teil davon waren immer auch Bierdens melodische Basslinien sowie das charakteristische Doppel-Drumming von Ben Ivascu und Drew Christopherson.
Das im vergangenen Jahr erschienene, aktuelle Album Dreams Go der Band aus Minneapolis ist wohl ihr bisher persönlichstes Werk.Entstanden im Schatten der schweren Glioblastom-Diagnose von Bassist Chris Bierden, wirkt das Album wie ein intensives Innehalten: eine Mischung aus Abschied, Erinnerung und dem Versuch, das Flüchtige festzuhalten. Die Songs kreisen um Verlust, Widerstandskraft und die leisen, oft übersehenen Momente von Schönheit, die gerade in schwierigen Zeiten sichtbar werden.
Der Titelsong bringt diese Stimmung direkt auf den Punkt. Sängerin Channy Leaneagh beschreibt ihn als eine Art Hymne für all die Träume, die man im Laufe des Lebens begräbt – während alles um einen herum einfach weiterläuft. Genau diese bittersüße Ambivalenz zieht sich durch das gesamte Album. Es sind zugleich die letzten Aufnahmen mit Bierden, bevor er nicht mehr spielen konnte. Entsprechend spürt man in den Tracks eine rohe, fast greifbare Emotionalität, die gleichzeitig wie ein Rückblick auf das erste Jahrzehnt der Band wirkt.
Trotz allem geht es für Poliça weiter: Live unterstützt nun Alex Nutter die Band und auch musikalisch bleibt Bewegung drin. Neben Olson war der Stockholmer Produzent Peder Mannerfelt an der Produktion beteiligt, wodurch das Album nicht nur zurückschaut, sondern auch neue Wege andeutet.
So ist Dreams Go am Ende kein stilles Trauerdokument, sondern ein lebendiges, atmendes Werk – eines, das zeigt, wie viel Kraft in kreativem Ausdruck liegen kann, selbst (oder gerade) in Zeiten großer Unsicherheit. Ob es für Poliça danach weitergeht oder nicht, bleibt offen. Sicher ist nur: Dieses Album ist ein eindringliches Zeugnis ihrer gemeinsamen Geschichte – und der prägenden Rolle, die Chris Bierden darin gespielt hat. Wir freuen uns, damit auch den eigentlich für 2020 geplanten Auftritt der Band nachholen zu können, der aufgrund von Corona nicht stattfinden konnte.
